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Freitag, 19. März 2010

Werbung für die neue Generation - von Florian Ries

Neues von der Tabloid-Front: Die Welt Kompakt ziert sich mit Schrumpfköpfen. Bis in den Amazonas muss man dafür nicht reisen: Allerlei deutsche Prominenz tummelt sich auf den Plakaten der Zeitung, zu Kindsköpfen mutiert.

Man fragt sich, was ist eigentlich ekliger: Die offensichtliche Verfremdung der bekannten Gesichter oder der in seiner Plattheit unfreiwillig entlarvende Claim. Es gibt keine Nachricht, die man nicht in ein paar großen Lettern und Zeilen abhandeln könnte. Basta. "Big News, Small Size". Der Claim macht unmissverständlich klar, dass es die junge Generation – ist das eigentlich das gleiche, wie eine neue Generation? – zumindest nach Ansicht der Blattmacher nur auf eines abgesehen hat: Fette Nachrichten in kleinen Happen will sie fressen, und das im handlichen Pocketformat.
Der kleine News-Snack für zwischendurch, gerade genug zum Drüberfaseln aber zu wenig zum Mitreden. Unter Welt Kompakt Lesern bleibt man vermutlich sowieso unter sich. Die treffen sich in Convenience-Stores zwischen DVD-Verleih und Glotze bei Functional-Food. Und quatschen ein bisschen über Functional-News.
Hintergründe ade, ein dreifaches Hoch auf die Oberfläche der Dinge. Vielleicht finden Welt Kompakt Leser und des Lesens mächtige Mitglieder der neuen Generation, die noch nicht wissen, dass sie gerne Welt Kompakt lesen würden, die Kampagne sogar klasse. Guido, Angela, Gerhard und Joschka als Photoshop-Mutanten. Dreikäsehochs. Politbabys. Rudi Völler und "unser" Papst kleben übrigens auch schon allenthalben rum, ebenso wie Plapperschnüss Tommy Gottschalk. Tiefe Augenringe, große Nasen und Augenbrauen halten die Welt in Bewegung – ist das die Essenz der Nachrichtenwelt nach Lesart der Kampagne? Möglicherweise. Und genauso möglicherweise trifft sie deswegen vielleicht sogar ins Schwarze.
Ich finde sie grässlich, aber bin ich Zielgruppe? Wohl kaum. Ich frage mich: Ob die alle damit einverstanden sind, dass sie auf Plakaten derart karikiert werden? Eher nicht, denken sich anscheinend die Kampagnenmacher. Deshalb haben sie sich für die PDF-Downloads und die Wallpapers auf der Internetseite neckische Namen ausgedacht, die der Infantilität der Motive gerecht werden und die Nennung von Namen umgehen.
Aus Schröder wird hier "27-Prozent.pdf". Aus Angela "Kandidatin.pdf". Guido bringt es auf "Junggeselle.pdf" und Joschka auf "Turnschuhe.pdf". Nun gut, besonders aktuell ist das alles nicht. Wann wurde Joschi das letzte Mal in Turnschuhen gesichtet? Wie viel Prozent hatte die SPD? Die Kandidatin ist längst aus diesem Korsett herausgewachsen. Wann hat Rudi Völler das letzte Mal für große Nachrichten gesorgt? Aber was soll’s. Was hat eine Zeitung schon mit Aktualität zu tun oder mit Inhalten? Was sagen Sie? Stimmt, Sie haben Recht. Wir reden hier ja auch nicht über eine Zeitung, sondern über ein Tabloid ...

Florian Ries

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