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Dienstag, 7. Februar 2012

Don’t cross the deadline … - von Florian Ries

Ich liebe die englische Sprache. Ernsthaft. Besonders das British English. Das American English ist mir manchmal zu martialisch, klingt zu sehr nach Stetson, Colt und Smith & Wesson. In unserer Branche kommt man ohne Englischkenntnisse ja sowieso kaum aus. Das fängt mit "Account Manager" an, schleppt sich am "Briefing" und dem "Freelancer" vorbei und kommt über die Zwischenstationen "Job-Nummer" und "Meeting" schließlich bei der "Roadmap" und dem "Senior-Consultant" an. Alles Begriffe, die durchaus Sinn machen. Denn sie passen einigermaßen zu dem, was sie bezeichnen sollen.

Ein Wort aber ist mir immer ein Dorn im Auge gewesen: Deadline. Wer ist da bitteschön tot? Die Linie? Dabei ist die Vokabel, möchte ich behaupten, einer der beliebtesten Anglizismen überhaupt in PR und Marketing. Alle reden davon, keiner weiß, warum.

Damit ist jetzt Schluss. Ich habe mich mal schlau gemacht. Der Begriff Deadline hat seinen Eingang in die Medienwelt etwa um 1920 gefunden. Wo? Dreimal dürfen Sie raten: natürlich in Amerika. Damals wurde er in Zeitungsredaktionen zum benutzt, um den Redaktionsschluss zu umschreiben. So weit so gut. Aber warum eigentlich?

Ein paar Jahre vorher begannen bereits die Setzer, das Wort zu nutzen. Mit Abgabefristen hatte das herzlich wenig zu tun. Im Gegenteil ging es wohl um ein rein technisches Hilfsmittel. Die Deadline war eine Art Führungsschiene, die die Typen während des Drucks auf der Grundlinie hielt. Die Texter fanden das Wort wohl so charmant, dass Sie es einfach übernahmen. Da war es wieder, das American English mit seinem Hang zum Drastischen.

Hier wäre die Geschichte eigentlich zu Ende und das ganze in sich völlig logisch. Wenn da nicht noch ein kleines Detail wäre, das der Geschichte zusätzlichen "Drive" gibt.

Denn auch die Drucker haben das Wort nicht erfunden. Zuallererst ist es nämlich im Amerikanischen Bürgerkrieg aufgetaucht. Da wurden viele Gefangene gemacht und interniert. Und weil man nicht mal eben ein paar Mauern hochziehen wollte, markierte man auf dem Boden die Deadline. Wenn die jemand übertrat, dann wurde ohne Vorwarnung – was wohl, klar – geschossen. Aha, da macht das Wort doch mal Sinn.

Fassen wir zusammen: Der Begriff, den wir heute benutzen, um eine letzte Frist deutlich zu machen, klingt nicht nur brutal, im Ursprung ist er es sogar. Und wahrscheinlich wollten die frühen Blattmacher auch genau diesen "Touch" erhalten und auf die Arbeit in der Redaktion übertragen.

Times are changing: Ein Glück, dass die Übertretung unserer heutigen Deadline nicht ähnliche Folgen hat, wie im 19. Jahrhundert. Obwohl: Dann sähe der Arbeitsmarkt für Redakteure, PR-Berater und Werber vermutlich ein wenig entspannter aus. Die "Deadline" also als "Jobmaschine" für die Medien? Ich glaube, für die nächste Redaktionssitzung besorge ich mir doch lieber einen Colt und einen Stetson und über schon mal Yul Brynner vorm Spiegel: "Draw!". Nur so, zur Abschreckung …


von Florian Ries

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