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Donnerstag, 17. Mai 2012

Bahn frei für die Werbung - von Florian Ries

Wir haben es geschafft: Die heiligen drei Könige haben sich ins Morgenland zurückgezogen und der Weihnachtsbaum wartet auf seine Reinkarnation als Gartenmulch. Zeit für Besinnung gab es reichlich, jetzt kommt die Zeit der klaren Worte.

Es geht heute um Werbung. Und um Infotainment. Das nicht mehr ganz so neue Feigenblatt, hinter dem sich die Werbung jetzt versteckt. Zum Beispiel in Straßenbahnen. In meiner Stadt sind einige davon mit Monitoren ausgestattet, damit die Fahrgäste während der Fahrt von nützlichen Informationen profitieren können. Als ich kurz vor Weihnachten ins Zentrum fuhr, um noch eben ein paar Geschenke zu besorgen, konnte ich mir die Dinger mal genauer ansehen.

Der erste Eindruck war erschütternd uninteressant. Wer tatsächlich darauf schaut, so dachte ich mir, für den stellen Big Brother und Dschungelcamp eine intellektuelle Herausforderung dar. Ehrlich. Weniger Inhalt geht nicht. Leerer sind nur die Regale mit Christbaumschmuck oder roten Kerzen an Heiligabend. Es ist sogar wahrscheinlicher, am Silvestermorgen ein Fondueset aufzutreiben, als hier etwas Interessantes zu erfahren.

Das Generalthema war Weihnachten, wie originell. In ihrer verzweifelten Suche nach mundgerechten Newshäppchen, die zwischen zwei Stationen die geistige Verdauung nicht belasten, verfielen die Redakteure auf Elton John. Unter der Überschrift „Weiße Weihnacht weckt Erinnerung“ (oder ähnlich) ließ mich der Möchtegernfernseher wissen, dass der Musiker sich beim Anblick von schneebedeckten Hängen angeblich an frühere Koksorgien erinnert. Moment! Was hat das mit Weihnachten zu tun? Und gibt es nicht schon genug prominente Kokser?

Egal, ich hatte Verständnis – sah den Chef vom Dienst förmlich vor mir, wie er mit einpeitschender Stimme die Losung des Tages über die Köpfe des schreibenden Fußvolkes kanzelt: „Bringt mir Weihnachtsgeschichten!“ Da lässt man schon mal Fünfe gerade sein.

Es folgte Werbung in eigener Sache: „Nutzen Sie diese Werbefläche – erreichen Sie Ihre Zielgruppe … blablabla“. Die Optik erinnerte dabei fatal an meinen ersten PC. Viel Blau, ein bisschen Schrift. Absturz garantiert. Dann kam endlich Bewegung auf den Schirm: Kinotrailer. Mal was fürs Auge. Brad Pitt und George Clooney luden mich ins Spielcasino ein. Aber das Vergnügen währte nur kurz. Ich musste wieder an die Meldungsfront: 25 Prozent aller Männer besorgen ihre Geschenkeinkäufe erst ganz kurz vor Weihnachten. Zweiundneunzig von hundert Frauen dagegen haben zu dem Zeitpunkt längst alle Präsente hübsch eingepackt und mit Schleifchen versehen. Danke auch.

Statistiken sind klasse Lückenbüßer. Und so aussagekräftig. Schießt ein Jäger einmal links an der Ente vorbei und verfehlt sie das nächste Mal rechts, dann ist die Ente statistisch gesehen tot. Der Martinsteller bleibt trotzdem leer. Beim Aussteigen denke ich mir, wenn ich mal Geld zuviel hätte, um in einer Straßenbahn eine Anzeige auf einem Fünfzehnzollbildschirm zu schalten, dann ginge das so: „Verkaufen Sie unpassende Werbung doch einfach bei E-Bay.“

von Florian Ries

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