Meine 70-jährige Mutter, die täglich ganze Populationen von Moorhühnern killt, hat noch nichts davon gehört; mein Mitbewohner, der mit der Hälfte der weiblichen Weltbevölkerung chattet, auch nicht. Obwohl beide mit ihren jeweiligen Computern so fest verwachsen sind, dass es selbst Medizinern schwer fallen dürfte festzustellen, wo der Mensch aufhört und der Computer anfängt.
Nein, wenn schon eine Wortverbindung mit Web, dann wohl eher „Blase“. Meinetwegen auch Blase 2.0. Denn was da als Revolution gepriesen ist, ist besten Falls ein lauwarmer Aufguss getreu nach Wilhelm Busch: „ … wofür sie ganz besonders schwärmt, wenn es wieder aufgewärmt“. Und was da alles aufgewärmt wird: Blogs – mein Gott, seit Jahrhunderten schreiben Menschen Tagebücher, manche haben sie sogar veröffentlicht, bevor es Computer gab. Ja selbst im finstersten Web-Mittelalter (vor 1990) haben Menschen ihre ureigensten Gedanken auf ihrer Web-Site ausgebreitet – der technische Aufwand war nur etwas höher. Und wenn jemand etwas dazu sagen wollte, hat er halt eine Mail geschrieben oder – grauenvoller Gedanke – ein Fax geschickt. Manche – Jugendliche unter 18 bitte weghören – haben sogar zum Telefon gegriffen oder gar einen Brief geschrieben.
Was zum Thema „Community“ überleitet. Mein Schulfreund Uli hat in den 70er Jahren einen recht schwungvollen Handel mit schwarz kopierten Musik-Kassetten betrieben – irgendjemand hat sich eine der schwarzen Vinyl-Scheiben gekauft, sie mitgebracht, und wir haben dann davon 20 bis 30 Kopien gezogen, die wir dann für ein paar Mark verscherbelt haben. Napster hieß das allerdings noch nicht – wenn ich mich recht erinnere, hatten wir überhaupt keinen Namen dafür.
Ach ja, getroffen haben wir uns immer nach dem „Schmalfilmclub“ (unsere Schule war recht modern). Sinn und Zweck dieses Clubs war, dass jeder, der wollte, seine selbst gedrehten Super-8-Filme einem mehr oder weniger begeisterten Publikum vorstellen konnte. Nicht-Schulmitglieder waren ebenfalls eingeladen. Hätten wir damals im Englischunterricht etwas mehr aufgepasst, wären wir sicherlich früher oder später auch auf den Namen „Youtube“ gekommen. Aber witzig waren die Streifen auch – besonders jene, die von bestimmten Läden in neutraler Verpackung geliefert wurden…
Wenn wir gerade mal keine nicht jugendfreien Filme angesehen haben, widmeten wir uns der Schularbeit (na ja, unter anderem). Damals wurde es gerade üblich, die Schüler Referate halten zu lassen. Thema egal, Hauptsache Stunden füllend (das hat sich dann später im Studium fortgesetzt). Da der persönliche Wissenshorizont begrenzt war, schrieb man halt aus Lexika ab. Und was dort nicht stand, wurde halt dazu erfunden – aber immer mit Verweis auf den Brockhaus etc. Jeder war beeindruckt, keiner hat es nachgeprüft (am wenigsten die Lehrer), und manchmal landete ein solches Elaborat sogar in der Schülerzeitung. Die hieß Willi-News (sehr originell, denn meine Schule war nach Wilhelm von Oranien benannt), aber hätten uns die Hügel des Lahn-Dill-Kreises den Blick zum Beispiel auf Hawaii frei gegeben, wäre uns der Name Wiki-News schon viel früher eingefallen (das „-pedia“ hätte sich nach der 1000sten Ausgabe wie von selbst angeboten, aber soweit kam es nie).
Meine Schulfreundin Ingrid (heute Mutter von vier Kindern und vollkommen Web-abstinent) war anerkannte Schulmeisterin in Sachen Brieffreundschaften. Die Frau tat im Grunde nichts anderes, als mit Boromil in Tschechien, Vladimir in Russland, John in Irland und Raikii in Finnland (Suomi) zu konferieren. Da die genannten Herren wie Ingrid im pubertären Alter waren, dauerte es nur wenige Briefe, bis die Mitteilungen - obschon sprachlich zweifelhaft – inhaltlich jedoch sehr eindeutig wurden. Ingrid hat dann die Briefe immer in die Clique mitgebracht, und wir haben gemeinsam Antworten verfasst – ich darf mit Stolz vermelden, dass meine Avancen die Herren offensichtlich sehr angeregt haben. Boromil jeden Falls stand plötzlich und unerwartet vor Ingrids Tür (entgegen anders lautenden Gerüchten ist er aber nicht der Vater der vier Kinder). Wahrscheinlich waren wir damals einfach zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, sonst wäre uns für diese Form des Austauschs der Begriff „Chat“ eingefallen.
Überhaupt die Schule: da die drögen Alt-68er damals noch Jung-68er waren und sich mehr mit der Beamtung statt mit der Weltveränderung herumschlagen mussten, hat man uns viel Freiheit in punkto Meinungsäußerung gelassen. Im Grunde haben wir unseren Senf zu allem und jedem abgegeben (bei manchen hat sich das bis heute nicht geändert). Interessiert hat es natürlich keinen, aber da es keine Beschränkungen gab, äußerten wir uns zu allem, von dem wir nichts verstanden: Gesellschaft, Politik, Aus- und Inland, Straßen- und anderem Verkehr, Bildung, Film und TV etc. Wir taten dies verbal, manchmal auch schriftlich – dazu angehalten von den zuvor genannten Jugendbildnern, die den Senf „sich einbringen“ nannten. Jeden Falls haben wir uns beteiligt, statt nur zu konsumieren.
Und je mehr ich darüber nachdenke: eigentlich waren wir immer schon Web 2.0 – und das zu einer Zeit, als Bill Gates noch in der Garage bastelte.
Das Web – ob Eins Punkt Null, Zwei Punkt Null oder welche Zahl auch immer – ist eine großartige Einrichtung. Was täten wir ohne? Aber es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Plattform. Denen, die ihre Pressemitteilung mit den Worten beginnen lassen „Web 2.0 ist in aller Munde“ sei folgendes ans Herz gelegt: Bitte etwas weniger platt und etwas mehr Form.
Michael Wengenroth
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Kommentare
Herrlich
Danke :)
tja wenn man so in Erinnerung schwelgt,
fehlt nur noch der Hinweis, dass wir durch die Welt getrampt sind und bei Freunden von Freunden übernachtet haben, ohne dies als couchsurfing oder hospitalityclub zu bezeichnen. geklappt hat es trotzdem. :-)