Dass sich die Verfasser von Pressemitteilungen zum Zweck der Eigenvermarktung als „die kreativen PR-Spezialisten“ (wenn auch fünf Mal innerhalb einer Pressemitteilung) bezeichnen, weckt immerhin noch meine Neugierde, wenn ich das Themen- und Branchenumfeld betrachte, für das die Kommunikationsaktivitäten angekündigt werden. Aber wie schon Lohengrin sagte: „Nie sollst du mich befragen“… So auch bei einer Pressemeldung, die uns diese Woche erreichte, in der die „kreativen PR-Spezialisten“ ankündigen, dass sie für die klassische Pressearbeit ihres neuen Kunden zuständig sein werden. Ich kenne die Kombination von „Kreativität“ und „Klassik“ eigentlich nur aus der Werbung. Somit habe ich etwas dazugelernt und freue mich auf die nächste klassisch-kreative Pressemitteilung, wobei mir ein paar handfeste Informationen wichtiger wären als wortreiche und emotional positiv stimmende Worthülsen.
Wenn ich dann im gleichen Text noch lese, dass der Auftraggeber „professionelle Unterstützung“ gesucht hat, bin ich doch ein wenig verwirrt: Unprofessionelle Unterstützung will wohl niemand haben, selbst wenn er kein Profi ist. Womit wir aber auch gleichzeitig wissen, dass die Agentur ihren Auftraggeber auf dem Gebiet der Pressearbeit ohne besagte Unterstützung bislang als unprofessionell einschätzt.
Noch deutlicher lese ich in einer anderen Presseveröffentlichung, was die aussendende Agentur von ihren Kunden hält, und zwar ausgerechnet eine Agentur, die sich nach eigener Einschätzung durch „gute soziale Kommunikation“ auszeichnet. Besagte Agentur gliedert ihre „sozialen Kunden“ in eine eigene GmbH aus (frei nach dem Motto: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?) und wird damit, nach eigener Aussage, dem „wachsenden Anteil an ’normalen’ Kunden gerecht“. Sind jetzt die normalen Kunden unsozial oder sind die sozialen Kunden unnormal? Offensichtlich ist der Grund für diese „Ausgliederung“, dass sich beide Gruppen nicht gut zu verstehen scheinen (was bei obiger Beschreibung verständlich wäre), denn laut Pressemitteilung „ändert sich nur der Firmenmantel, nicht der Inhalt“, warum sonst also der neue Mantel? Oder ist der die Belohnung für das „Soziale“? Ist der neue Mantel sozialer, der andere einfach nur normal? Fragen über Fragen, aber: Ein Erfahrungsbericht über die Notwendigkeit der unterschiedlichen Firmierung sozialer, dafür aber unnormaler und normaler, dafür aber unsozialer Kunden würde einen Großteil unserer LeserInnen gewiss interessieren, da sie doch wahrscheinlich täglich mit ebensolchen aus einer der beiden Gruppen zu tun haben …Wir würden besagter Agentur das selbst postulierte „soziale Fingerspitzengefühl“ auch im Umgang mit ihrer Eigenvermarktung wünschen.
Die beiden Pressemitteilungen – und das muss hier gesagt werden – haben abseits der sprachlich fragwürdigen Formulierungen immerhin noch einen gewissen News-Wert. Bar dieses jedem PR-Schaffenden vom Berufsanfang eingetrichterten Essentials kommt jedoch eine Mitteilung eines PR-Ausbildungsinstituts (!!) daher. Das Ausbildungsinstitut hat in einer Umfrage, die offensichtlich in (un)regelmäßigen Abständen stattfindet, „40 leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die PR-Agenturen beauftragen oder an der Auswahl mass(!)geblich beteiligt sind, von Unternehmungen und Verbänden befragt“ [mein Gott, welche eine verdrehte Syntax, Anm. des Verf.], welche Prioritäten sie bei der Agenturauswahl setzen. „Dabei stehen die dauerhafte Zuverlässigkeit (auch: Vereinbartes wird eingehalten, Rückrufe erfolgen umgehend), die Kreativität (realisierbare Ideen, andere Denkansätze) und das PR-Know How (Generalisten mit umfassendem, praktischen Wissen) mit fast zwei Drittel der Nennungen unangefochten auf den ersten Plätzen. Zu früheren Befragungen gab es nur geringe Verschiebungen in der Gewichtung: Wichtiger beurteilt wurde das PR-Know How (kein Wunder in der Schnelligkeit der Zunahme des Wissens), wichtiger wurde auch das Kostenbewusstsein bewertet (der nationale und internationale Kostendruck zeigt hier Auswirkungen) und die schon relativ vernachlässigbare Mitgliedschaft in Verbänden und Interessenvertretungen wurde in die Bedeutungslosigkeit herabgestuft.“ [mein Gott, war die Umfrage so platt oder sind nur die Inhalte so platt formuliert? Anm. des Verf.].
Der Stil scheint mir hier doch ganz auf dem Niveau der inhaltlich tief schürfenden Erkenntnisse: Ich mache mal ein Umfrage mit keinerlei praktischem Nutzwert in einem ganz kleinen Rahmen, damit ich mich mal wieder bei Euch in Erinnerung bringe. Was denn auch gelungen ist; lange mussten wir schon ohne den Input eines bestimmten Ausbildungsinstituts auskommen, der Licht in unser graues Alltagsdasein brachte. Aber eigentlich müssten wir doch sehr böse sein. Nicht wegen des Inhalts, sondern weil solche Dinge einen immer wieder zwingen, Karl Kraus zu zitieren: „Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken“. Und das ist nun wirklich nicht mehr kreativ.
Fazit: Was wollen wir von viel beschäftigten Agenturmenschen in punkto Eigenvermarktung per Presse-Aussand erwarten, wenn schon Ausbildungsinstitute einem das kalte Grausen mit derartigen Pressetexten vermitteln? Und anhand der zitierten Pressemitteilung habe ich auf einmal begriffen, warum Kreativität auch bei klassischer Pressearbeit wichtig ist. Mehr noch: Ich begreife auch den oben zitierten Ansatz der „guten sozialen Kommunikation“: Die hätte hier ganz sicher Rücksicht genommen und mir das Lesen des letztzitierten Textes durch Nichtverschicken erspart. Denn um es mit den Worten des Chefs des Ausbildungsinstituts zu sagen: „Langweilige Kommunikation ist eine Beleidigung der Zielgruppe“.
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