Kommentatoren aus der PR-Branche tun sich zu Recht schwer, den Fall Vattenfall und die Leistungen von Konzernsprecher Johannes Altmeppen unvoreingenommen zu bewerten. Dass hier ein Protobeispiel für schlechte „Arbeit mit der Öffentlichkeit“ statuiert wurde, ist ganz sicher unbestritten. Und dass Herr Altmeppen die Konsequenzen aus diesem Dilemma gezogen hat (oder besser: ziehen musste?), war wohl selbstverständlich.
Gleichwohl entbehrt es aber jeder Grundlage, mit dem moralisch hoch erhobenen Zeigefinger auf Johannes Altmeppen zu deuten und seinen Rücktritt mit einer Häme zu kommentieren, die ihresgleichen sucht (so geschehen in einem der Online-Portale der PR). Das ist nicht nur in Teilen menschenverachtend und perfide, sondern in Gänze unangemessen. Der Verfasser des besagten Kommentars hat seiner persönlichen Entrüstung ungehindert freien Lauf gelassen und die Person des Johannes Altmeppen an den öffentlichen Pranger stellt.
Wichtiger wären jedoch Fragen nach den Ursachen gewesen, und der Versuch, diese zu kommentieren. Denn bei aller Aufregung über das Agieren des Konzernsprechers: Hier sieht man wieder einmal deutlich– und das sollten sich solche Kommentatoren hinter die Ohren schreiben –, dass PR Auftragskommunikation ist und damit weisungsgebunden, nicht weisungsgebend.
Damit sind wir gleichzeitig bei dem eigentlich Thema, das den Fall Vattenfall und in seiner Folge den Fall Altmeppen wirklich branchenrelevant macht: Es ist nicht das Fehlverhalten eines Unternehmens und seines Sprechers. Der Fall Vattenfall zeigt vielmehr deutlich: PR-Beratung mag noch so gut sein (und das unterstellen wir auch bei Johannes Altmeppen), ihre Akzeptanz bei Entscheidern ist in entscheidenden Situationen häufig gleich null.
Hier ist der kritische Punkt, über den die Branche und ihre Verbände, aber auch die selbsternannten Wächter der Branche mit ihrem erhobenen Zeigefinger nachdenken sollten. Wenn es uns in den vergangenen 50 Jahren nicht gelungen ist, mehr Akzeptanz für die Beratungsleistung der PR zu erreichen, wenn PR immer noch das Image hat, nicht ursächlich am wirtschaftlichen Erfolg der Organisation beteiligt zu sein, dann … ja dann werden wir immer Konzernsprecher haben (müssen), auf die die Theoretiker mit Spott und Schimpf reagieren, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass Theorie und Praxis der PR es bislang nachhaltig vermeiden konnten, Akzeptanz für die PR über den Bereich Pressearbeit hinaus aufzubauen und damit die Beratungsleistung der PR nicht nur in Krisenzeiten wertiger zu machen.
Dass dies auch eine Aufgabe der Weiterbildungsinstitute ist, muss nicht besonders erwähnt werden. Und dass deren Erfolg in der Vermittlung dieses grundlegenden Könnens offensichtlich sehr gering ist, wundert nicht, da auch bei entsprechenden Prüfungsinstitutionen „Beratung“ kein wirkliches Thema ist.
Anstatt nutzlos und ehrenrührig zu lamentieren, sollten PR-Schaffende daher Anlässe wie den Kommunikationsgau bei Vattenfall nutzen, über das Image der Branche nachzudenken und an seiner Verbesserung zu arbeiten, damit die eigentliche Leistung der Branche – die Beratung – angemessen anerkannt werden und dann in wichtigen Situationen auch zum Zuge kommen kann. Solange wir das nicht schaffen, werden wir aus dem Nischendasein nicht herauskommen und immer wieder KollegInnen im gleichen Dilemma wie Herrn Altmeppen finden.
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Frage zum Beitrag
Lieber Kollege Nöcker, ich bin etwas ratlos Ihren Beitrag zu bewerten. Welches Online-Portal ist gemeint? Auf welchen konkreten Beitrag bezieht sich die Polemik? Mit freundlichen Grüssen Peter Nietzold