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Dienstag, 16. März 2010

"Nachahmungstäter nicht bestärken"

Presserat diskutiert mit Wissenschaftlern über Wirkung von Amoklauf-Berichterstattung

Das Plenum des Deutschen Presserats hat in Berlin gemeinsam mit Experten aus der Wissenschaft über die möglichen Folgen der Berichterstattungen über Amokläufe diskutiert. Anlass für die Gesprächsrunde war eine Vielzahl von Beschwerden nach dem Amoklauf von Winnenden. Die Beschwerdeausschüsse hatten auf ihren Sitzungen im Mai unter anderem die Nennung von Opfernamen, eine heroisierende Darstellung des Täters und die fiktive Nachstellung der Tat mit grafischen Mitteln gerügt. Insgesamt wurden 47 Beschwerdeverfahren eingeleitet. Insgesamt 79 Leser hatten sich beim Presserat beschwert.

„Wenn über einen Amoklauf berichtet wird, muss der Opferschutz im Vordergrund stehen. Medienberichte dürfen nicht zu weiteren Opfern führen“, postulierte Prof. Dr. Rüdiger Wulf, Kriminologe und Viktimologe von der Universität Tübingen.

Der Sprecher des Deutschen Presserats, Manfred Protze, wies hier auf das „natürliche und zugleich schwierige Spannungsverhältnis zwischen dem begründeten öffentlichen Interesse an einem Ereignis dieser Art auf der einen Seite und den Interessen der Angehörigen in ihrer nicht austauschbaren Rolle als authentische Quellen für eine verlässliche Berichterstattung auf der anderen Seite“ hin.

Bei der Berichterstattung über den Täter riet Professor Dr. Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe und Wirkungsforscher von der Freien Universität Berlin, ebenfalls zu Zurückhaltung. Er sieht hier die Journalisten in einer großen Verantwortungsrolle. Eine gewisse Form der Berichterstattung könne mögliche Nachahmungstäter bestärken. „Nicht den Täter und seine Motive in den Vordergrund rücken, sondern die Tat, keine Klischees fördern, keine Bilder vom Täter zeigen und keine Namen nennen“, sagte Scheithauer.

Bei allem legitimen öffentlichen Interesse sollten sich Journalisten stets die Frage stellen, wie ihre Beiträge auf potenzielle Täter wirken könnten, meinten die Experten. Gäste und Plenumsmitglieder waren sich darüber einig, dass der Grat zwischen der Wahrnehmung des öffentlichen Auftrags der Medien und presseethischen Grenzverletzungen bei einem Ereignis wie in Winnenden schmal sei. Diese Situation erfordere hohe Sensibilität und Aufmerksamkeit der professionellen Akteure auch für die ethische Dimension des konkreten Falls.

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