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Dienstag, 7. Februar 2012

Schokoriegel oder Askese? - von Florian Ries

Starkoch Jamie Oliver hat es nicht leicht. Während er versucht, Schulkindern gesundes Essen zu reichen, schieben deren fanatische Mütter Fastfood und Süßkram durch den Maschendraht der Schulzäune – damit die kleinen Übergewichtigen nicht dieses Mist-Obst und kraftloses Gemüse essen müssen. Darüber kann man lachen – muss man aber nicht. Das Lachen kann einem auch im Halse stecken bleiben.

Denn was in England passiert, das würde hierzulande genauso geschehen – wenn wir einen Jamie Oliver hätten. Die Werbung ist nicht gerade unschuldig an der Situation – ebenso wie so mancher Sportfunktionär oder aktiver Athlet. Als wir ihn noch lieb hatten, den Jan, da echauffierte man sich vor jeder Tour gerne darüber, dass der Müsliriegel nebst lukrativem Werbevertrag dem Mann anscheinend allzu lange lieber war, als die Vorbereitung auf den Höllenritt durch die Pyrenäen. War die Platzierung trotzdem passabel, so täuschte uns das darüber hinweg, dass die Verbindung von Süßwaren und Sport eigentlich eine Contradictio in adjecto ist. Denn sportlicher Erfolg lebt von Training und einer Portion Askese. Um bei der Tour zu bleiben: vom inzwischen sprichwörtlichen Ausruf „Quäl dich, du Sau!“. Schokolade dagegen ist ein Genussmittel – und sollte wie jeder Genuss in Maßen konsumiert werden. Eigentlich.
Trotzdem begegnet sie uns allenthalben in der Sportwerbung. Nuss-Nougat-Creme verkauft sich am besten mit Fußballern – das wissen wir zur Genüge. Und kaum ist die Weltmeisterschafts-Sammelbildchen-Hysterie für Liebhaber der – ich will es ja nicht verhehlen – leckeren Haselnuss-Waffeln oder längsten Pralinen der Welt vergangen, wartet man jetzt mit einer besonders tollen Aktion auf: Man kann Bonus-Punkte sammeln und gegen Produkte eines führenden Markenartiklers eintauschen. Um eine Kapuzenjacke zu bekommen, müsste man zwar 67 Gläser Nuss-Nougat-Creme, 500 Schokoriegel oder 600 Haselnusstafeln verspeisen. Aber keine Panik: Wer auf ausgewogene Ernährung steht, kann auch 30 Gläser Schoko-Creme konsumieren und das Punktekonto mit 240 Waffeln auffüllen.
Wer wollte es einem Markenartikler übel nehmen, dass er gerne Werbung macht? Oder dem Schokoproduzenten, dass er ausgerechnet mit Sportlern wirbt? Das wäre zu viel verlangt. Aber warum, frage ich mich, geben Sportorganisationen sich als Partner für so etwas her? Ich habe Boris Becker am Rande des Courts immer nur mit Bananen gesehen, aber nie mit Schoko-Creme. Was sagt uns das? Fit fürs Sportabzeichen wird man nicht mit Kakao-Produkten. Sportler wissen das. Wenn sie trotzdem Werbeverträge abschließen – nun gut.
Aber, liebe Sportverbände: Klebt doch mal Sammelpunkte auf Äpfel. Oder auf Bananen. Emanzipiert euch zur Abwechslung einmal von der Süßwarenindustrie. Das wäre ein schöner Traum. Fast so schön wie der von Jamie Oliver. Aber hierzulande, habe ich das Gefühl, haben die, die sich im Dienste des Sports auf die eigenen Schultern klopfen, diesen Traum oft schon längst aufgegeben. Oder nie gehabt. Und weiter? Freuen wir uns auf die richtig fetten Jahre. Und wohl bekomms!

Florian Ries

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