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Dienstag, 7. Februar 2012

Die Hausaufgaben eines Texters - von Florian Ries

Es gibt Tage, da hasse ich meinen Job. Ganz ehrlich. Gestern war so einer. Ich fuhr von einem Osterbesuch nach Hause. Über das Wochenende hatte ich noch einen Job angenommen, deswegen nahm ich die Bahn. Ich saß also im Intercity und hatte den Laptop auf dem Schoß, haute in die Tasten, als stünde der Leibhaftige hinter mir und würde Anschläge zählen.

Da ging die Abteiltür auf und herein kam die Sorte Mensch, die ich immer nur durch den Spion meiner Wohnungstüre sehe und ihr ansonsten aus dem Weg gehe. Vertreter, Staubsauger oder Versicherung. Zehn Minuten konnte ich ungestört schreiben. Da riss mich eine Frage aus der Vertiefung: "Sie haben wohl Ihre Hausaufgaben nicht gemacht?" "Wie bitte?", antwortete ich konsterniert. "Die Werbung, Sie verstehen? Von der Bahn – Hausaufgaben. Das Kind und der Mann?", so mein Gegenüber. Ich verstand nicht.

"Egal, eigentlich wollte ich fragen, was Sie da schreiben? Ein Buch?" Ich hätte antworten können: "Was geht Sie das eigentlich an?" Oder, dass ich für Gerd noch an der aktuellen Regierungserklärung feile. Aber ich fürchtete eine längere Konversation. Also sagte ich nur: "Nein, ich mache in PR, Auftragsarbeit. Dürfte ich jetzt wohl wieder …?"

Drei Zeilen weiter kam ich. "Verdient man damit gut? So mit dem Schreiben meine ich?", fragte mein Mitfahrer unvermittelt. "Mal so, mal so", antwortete ich gleichermaßen wahrheitsgemäß wie diplomatisch und hoffte auf Ruhe. Weit gefehlt. "Wissen Sie, wir haben in der Firma auch einen PR-Beauftragten. Und wir fragen uns immer, was der so macht für sein Geld. Ich meine, so ein paar Journalisten anrufen und Anzeigen schalten, das kann doch jeder, oder?" "Mh …", antwortete ich, wollte mich auf diese Art der Diskussion erst gar nicht einlassen.

Doch mein ungebetener Reisegefährte fuhr ungerührt fort: "Wenn ich die Sachen lese, die der so schreibt … ich wollte nämlich auch mal Journalist werden." "Soso", brummte ich. Soviel weiß ich aus Erfahrung: Menschen, die selbst Journalisten werden wollten und es dann doch nicht wurden, die machen PR-Beratern so richtig Freude. Und sie sind für jedes Argument, warum ein guter PR-Berater sein Geld dreimal Wert ist, stocktaub, weil sie sowieso alles besser wissen.

Aber es geschah mein persönliches Osterwunder. Wieder ging die Türe auf. Und kaum, dass wir unsere Karten vorzeigten, bat der Zugbegleiter meinen Mitfahrer höflich, die erste Klasse zu verlassen. Als wir wieder allein waren, fragte mich der Schaffner: "Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?" Und was sagte ich Trottel? "Gerne, ich muss noch ziemlich viel schreiben." Welch kapitaler Fehler, welch offene Flanke. "Wieso, haben Sie Ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Nur ein Scherz, wegen der Werbung, Sie verstehen?" Ich nickte gequält. "Aber mal ernsthaft: Sind Sie Journalist? Ich wollte auch mal Journalist werden …".

von Florian Ries

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